Month: Februar 2020

Eskapismus– die Anfahrt

Es ist meine Arbeit, die mich ins S-charl treibt. Eine Kollegin aus Scuol hat uns im Crusch Alba für ein Kreativ-Meeting einquartiert– “weil es sich da oben ganz anders anfühlt, fast wie am Ende der Welt“. Eigentlich bin ich nicht sol eicht zu beeindrucken. Ich war schon oft an anderen Enden der Welt.

An einem Freitag Mittag Anfang Juni verlasse ich München Richtung Garmisch und wickle mich geduldig den Fernpass hinauf und wieder hinunter. Dann auf die Autobahn Richtung Bregenz, Ausfahrt St. Moritz. Das klingt schön. Ich weiß nicht warum, aber nach dem Landecker Tunnel haben Landschaft und Atmosphäre beinahe abrupt eine andere Qualität– weniger Kuhglocken und putzige Häuser, dafür mehr beeindruckende Berge. Auch die Touristenkarawanen sind plötzlich weg. Der Eindruck verstärkt sich nach der Schweizer Grenze. Auf der Landstraße nach Scuol begegnet mir kaum mehr ein Auto. Auf den Schildern rechts und links der Straße entlang des eisblauen Inns steht Romanisches. Latein und Italienisch helfen nur bedingt beim Übersetzen.

Kurz vor Scuol verlasse ich die Landstraße, überquere die Innbrücke und fange an, mich auf der Dschombrina die Serpentinen durch den Arvenwald ins Val S-charl hinaufzuschrauben. Jede Kehre ein neuer Ausblick, mal auf Scuol und das Skigebiet am Piz Minschun, mal auf die Gipfel von Piz Pisoc und Piz da la Crappa.

Eine Viertelstunde weiter oben ändert sich das Szenario. Dort, wo die Straße auf das Flussbett der Clemgia trifft, ist plötzlich Kanada. Ich drifte Kilo- meter um Kilometer durch das weite Kiesbett des Flusses auf einer Straße, die inzwischen eine Schotterpiste ist und fahre durch den elegantesten kleinen Tunnel der Welt. Kurz Zwicken – ich bin immer noch in Europa? Ja.

Irgendwann bin mir nicht mehr sicher, ob ich mich verfahren habe und halte Ausschau nach Zeichen der Zivilisation. Einem Wegweiser nach S-Charl zum Bei- spiel, aber der kommt nicht. Ich muss bald da sein und fahre weiter durch die raue Einsamkeit.

Die Anfahrt katapultiert mich in eine andere Welt fernab von Lärm und Hektik. Wieder springe ich aus dem Auto und stehe inmitten einer Landschaft, die mich irgendwie demütig macht, weil sie so wild und großartig ist. Ich sauge die kühle Luft ein und konzentriere mich auf das Rauschen der Clemgia. Das monochrome Grau ihres weiten Kiesufers ist ein perfekter Zufluchtsort für meine bildschirm-geplagten Augen.

Ich bin endgültig gespannt, was mich dort oben in S-charl erwartet, auf 1.800 Metern. Ich ahne: Es wird ganz anders sein als gedacht. Und ziemlich frisch.